Scheitern wirklich immer mehr Projekte?
In regelmäßigen Abständen wird in der deutschen Presse über das Scheitern von Projekten berichtet: Das LKW-Mautsystem Toll Collect, Herkules (Informationssystem der Bundeswehr), Fiscus (Software für Finanzämter), die Gesundheitskarte oder der Kabelsalat bei Airbus A380 sind da nur die prominentesten Beispiele. Die Liste gescheiterter Großprojekte lässt sich offensichtlich beliebig fortsetzen.
Nach Untersuchung der Standish Group International, Incorporated (http://www.standishgroup.com) und meiner, zugegeben subjektiven Meinung, trifft diese Behauptung aber nicht auf die Gesamtheit aller Projekte zu. 1999 kam die Standish Group für Softwareprojekte auf folgende Ergebnisse: 29 % aller Softwareprojekte werden vorzeitig abgebrochen, 45 % liegen über dem Termin- und Kostenplan und 26 % liegen im Termin- und Kostenplan. Die Ergebnisse der Umfragen 2001 (23 % werden abgebrochen, 49 % liegen über Plan und 28 % liegen im Plan) und 2006 (15 % werden abgebrochen, 52 % liegen über Plan und 33 % liegen im Plan) zeigen aber eine deutlich positive Tendenz auf.
Bei der Betrachtung gescheiterter Projekte fällt auf, dass häufig Großprojekte oder Projekte großer Organisationen scheitern. Projekte mit langer Laufzeit müssen häufig schon während der Projektlaufzeit technischen Innovationen angepasst werden und große Teams bedeuten großen Abstimmungsaufwand.
Weitere Gründe für das Scheitern von Projekten, sind fehlende, unvollständige oder unrealistische Zielvorgaben und Spezifikationen, fehlende Projektmanagementkompetenz und –software, sowie Defizite im Änderungs-, Risiko- und Qualitätsmanagement.



Am 22. Februar 2007 um 20:25 Uhr
Ich persönlich halte die viel zitierte Chaos Studie für total überbewertet. Jeder PM Berater und Trainer verwendet diese Studie, um die Wichtigkeit dieses Themas zu argumentieren.
Es mag schon sein, dass die Studie repräsentativ und damit auch seriös ist - aber wahrscheinlich nur für IT Projekte im Nordamerikanischen Raum. Wie sieht’s aber mit all den anderen Projektarten oder den Projekten in Europa aus?
Meine persönliche Hypothese ist auch, dass die Projektergebnisse in vielen Unternehmen bei weitem nicht so schlecht sind. Denn sonst könnten wohl viele Unternehmen schon lange zusperren.
Ich teile aber auch die Meinung, dass mit der steigenden Größe und Komplexität der Projekte und auch der steigenden Unternehmensgröße die Misserfolgsrate steigt. Die Gründe liegen meiner Ansicht nach auch auf der Hand, da diese Projekte einfach wesentlich schwieriger zu managen sind. Einerseits aufgrund der Komplexität, andererseits aber auch aufgrund der Unternehmenskulturen, die in großen Organisationen herrschen (Tendenz zu Bürokratismus, Machtkämpfe, Trägheit…).
Mein Fazit: Das Projektmanagement ist in vielen Unternehmen nicht so schlecht, wie es uns manche Experten weis machen möchten. Trotzdem kann es kein Fehler sein, das Projektmanagement weiter zu optimieren - insbesondere auch durch eine gezielte Qualifizierung und Förderung der beteiligten Mitarbeiter/innen. Und ganz wichtig: Das Projektmanagement sollte niemals bürokratisiert werden. Gutes Projektmanagement ist pragmatisch!
Simplify your Projects! www.PM-Blog.com | www.PM-Handbuch.com
Am 23. Februar 2007 um 12:16 Uhr
Die Studie wird in der Tat überbewertet - zumal häufig nur das Ergebnis von 1999 als Beispiel für schlechtes Projektmanagement aufgeführt wird. Darüber hinaus sind die Abbruchquoten in der Softwareentwicklung wesentlich höher als bei anderen Projektarten.
Am 5. März 2007 um 09:35 Uhr
[…] Der Vergleich von Umfragen zeigt, dass der Anteil von Projekten, die scheitern oder sich verzögern, langfristig stabil zu sein scheint. Das ist in so fern erstaunlich, dass die Methoden zum Qualitätsmanagement wie z.B. CMMI stets weiter entwickelt werden. Die Komplexität der Projekte steigt wohl im gleichen Maße wie die Qualität der Methoden. […]
Am 5. März 2007 um 20:14 Uhr
Ich kannte die Studie noch nicht und finde Sie sehr interessant. Vor diesem Hintergrund können professionelle Dienstleister im Software-Bereich auch eine gute Argumentation pro Qualität aufbauen.
Dabei ist es meines Erachtens ganz irrelevant, wie die Situation im eigenen Umfeld aussieht. Wobei ich zumindest aus eigener Erfahrung sagen kann, dass schon einige unserer Kunden uns hinzugerufen haben, nachdem Sie versucht hatten, Projekte mit einem vermeintlich günstigen Dienstleister / Freelancer abzuwickeln. Und Feuerwehrarbeiten sind in der Regel deutlich teurer.
Am 4. November 2007 um 15:48 Uhr
Aus meiner Sicht wird die Komplexität von größeren IT-Projektvorhaben häufig unterschätzt. Dies hat zur Folge, dass die ermittelten Aufwände im Verhältnis zu den erbrachten Istaufwänden deutlich abweicht und daher zum Nachteil der Projekte wird.
Aus meinen Erfahrungen sind an dieser Situation der Auftraggeber (AG) und Auftragnehmer (AN) gleichermaßen beteiligt, da der AG ein Festpreisangebot über die Gesamtlösung verlangt.
Die Festpreisangebote werden unter mehreren Anbietern verglichen und häufig das preislich günstigere ausgewählt.
Das günstigere Angebot kann eine deutliche Fehleinschätzung der Komplexität des Vorhabens sein.
Dieses Risiko lässt sich verringern, wenn der AG bereit ist, einen Durchstich (Prototyp) zu beauftragen, der einen bestimmten fachlichen Ausschnitt (Prozess) realisiert. Ich nenne den Prototyp bewusst Durchstich, da er alle Ergebnisse vom Fachkonzept bis zur Realisierung beeinhaltet und nicht nur die Dialogoberfläche des Systems darstellt.
Der Durchstich hat das Ziel, eine Basis für die Aufwandsabschätzung zu sein, so dass die Komplexität des Vorhabens besser eingeschätzt werden kann. Zusätzlich sollen die Methoden und Verfahren festgelegt sein.
Ich denke, dass beide Parteien glücklicher wären, wenn das Verständnis für das zu realisierende Informationssystem auf beiden Seiten vorhanden ist.
Nach dem Durchstich kann eine europaweite Ausschreibung erfolgen, die auch besserer Inhalte in den Verträgen vorweist.